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Disruptive Klassiker

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Disruptive Klassiker: Die Brille

Vom Lesestein zur Brille

Die Brille – vom Entdecker zum Innovator

Eine Brille ist eine vor den Augen getragene Konstruktion, die Fehlsichtigkeit und Stellungsfehler  der Augen korrigiert, aber auch als Schutz-, Taucher- oder Schießbrille oder modisches Accessoire von Bedeutung ist.

Eine Brille besteht aus Brillengläsern, die als geschliffene Linsen eine lichtbrechende Wirkung besitzen und als Sehhilfe dienen. Weiterhin verfügt sie zur Fixierung der Brillengläser über eine Fassung und eine Haltevorrichtung. Im Jahre 2008 benötigten in Deutschland rund 65 % aller Erwachsenen eine Korrektionsbrille.

Ich möchte dieses wichtige optische Hilfsmittel heute heranziehen, um einige wesentliche Begriffe im modernen Innovationsmanagement zu erklären.

Die Wortbedeutung

Die Bezeichnung „Brille“ leitet sich vom spätmittelhochdeutschen Wort „berille“ ab, was auf das Mineral Beryll zurückzuführen ist. Um 1300 hatte man nur Linsen aus geschliffenen Halbedelsteinen. Beryll wurde damals als Oberbegriff für alle klaren Kristalle, also auch Bergkristall, verwendet.

Erstmals ist „Parille“ in der um 1270 entstandenen Gralsdichtung erwähnt: „Einen seiner Söhne nannte er Parille nach dem klaren Steine. … Er macht groß aus klein.“ Und später: „So wie der Berill die in ihm zu lesende Schrift vergrößert, gleicht ihm dein Herz, darin alle Tugenden in ihrem Wesen hoch, breit, weit und auch in die Länge wachsen.“

In diesen Strophen findet sich die erste Erwähnung der Brille, womit damals ein Lesestein aus Bergkristall gemeint war. Damit war der Name geboren.

Die Entdeckung des Prinzips

Eine erste Erwähnung von „Sehhilfen“ finden sich in ägyptischen Schriften aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Und schon Archimedes von Syrakus hat die Lichtbrechung von Linsen untersucht und dabei einen am Kopf befestigten Kristall zur Sehkorrektur getragen. Auch der römische Kaiser Nero soll im 1. Jahrhundert nach Christus Sehhilfen getragen – zum Schutz gegen die Sonnenstrahlung im von Ihm getragenen Circus Maximus in Rom.

Der arabische Mathematiker, Astronomen und Optiker Al Hazen beschrieb um das Jahr 1020 in seinem Werk „Schatz der Optik“ die vergrößernde Wirkung eines „Segments einer Glaskugel“, ohne jedoch dessen praktische Nutzungsmöglichkeiten zu erkennen.

Die wachsende Bedeutung der Schrift motivierte Mönche wohl im 13. Jahrhundert dazu, einen Lesestein aus Bergkristall als Vorläufer der Brille zu schleifen.

Solch eine Entdeckung deckt einen in der Natur existierenden Zusammenhang erstmals auf und beschreibt ihn. Der Zusammenhang an sich wie seine Nutzung waren bis dato unbekannt.

Der Entdecker erarbeitet sich seine Erkenntnis oftmals systematisch, wird dabei aber von auftretenden Fehlern im Suchprozess oder sogar von reinen Zufällen unterstützt. Frühe Entdeckungen sind meist zufallsbedingt. Späte Entdeckungen sind oft die Folge technisch komplexer Suchvorgänge. Die Ergebnisse sind oft nur schwer planbar.

Die Erfindung der Brille

Ende des 13. Jahrhunderts wurde die auf der Nase sitzende Sehhilfe für beide Augen erfunden. In einem Preditgtext wurde sie 1305 erstmals erwähnt. Der Große Rat von Venedig – und damit der Handel – befasste sich Anfang des 14. Jahrhunderts mit Lesesteinen und Lesegläsern. In dem Werk Opus Maius schrieb Roger Bacon wesentliche Erkenntnisse zur physikalischen Optik nieder. Bis heute ist der Erfinder aber nicht bekannt.

Die ersten Brillen, die in Europa aufkamen, hatten noch keine Bügel und besaßen konvex geschliffene Linsen, weshalb sie nur für weit- oder alterssichtige Menschen geeignet waren. Für die Erkenntnis,  dass ein geschliffener Bergkristall Schriften vergrößern kann, sind weniger theoretische, als vielmehr die praktischen Erfahrungen in Werkstätten bedeutsam, die besonders kleinteilige Reliquiare oder Schmuck herstellten.

Die älteste Darstellung einer Brille aus dem Jahre 1352 findet sich auf den Fresken in Treviso. Auf vierzig Fresken hatte der Maler die Hauptvertreter des Dominikanerordens dargestellt. Der Kardinal von Rouen hält sich ein Einglas vor das Auge. Der Kardinal Hogo von Provence ist mit einer Nietbrille dargestellt, die diesem fest auf der Nase sitzt. Der sogenannte „Brillenapostel“ des Altars der Stadtkirche von Bad Wildungen, 1403, stellt die früheste Darstellung einer Brille nördlich der Alpen dar. Die ältesten erhaltenen Brillen wurden im einem Kloster bei Celle gefunden. Die beiden Nietbrillen stammen aus dem 14. Jahrhundert und werden im Kloster aufbewahrt.

Die Weiterentwicklung der Brille

Wie auch Kurzsichtigkeit zu korrigieren ist, ist seit dem 16. Jahrhundert bekannt. Benjamin Franklin gilt als der Erfinder der Bifokaklbrille, da es ihm lästig war, ständig Fern- und Lesebrille zu tauschen. Das sogenannte Franklinglas hatte er 1784 entwickelt, wobei er für das rechte und linke Auge getrennte Gläser einsetzen lies. Das Patent wurde 1909 dem Amerikaner Orford zuerkannt.

Bereits im 17. Jahrhundert waren Halterungen bekannt, die über und unter dem Ohr verliefen. 1727 baute ein englischer Optiker die erste Brillen mit festem Bügel. Diese waren anfangs noch zu schwer, weshalb bis ins 20. Jahrhundert Lorgnion, Monokel und Zwicker weit verbreitet waren.

Die Carl Zeiss AG präsentierte 1912 die erste asphärische Punktual-Linse, die den Markt der Brillengläser für viele Jahre dominierte. Das erste Gleitsichtglas wurde 1959 von der Société des Lunetiers auf den Markt gebracht. Die Weiterentwicklungen dienen in erster Linie der Verbesserung der Abbildungsqualität bei gleichzeitiger Reduzierung optischer und kosmetischer Nebenwirkungen sowie der Sicherheit und dem Tragekomfort.

Anfang der 1980er gab es in Deutschland nur acht Kunststoff-Fassungen, deren Kosten von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen wurden. 1972 gründete der Augenoptiker Günther Fielmann deshalb in Cuxhaven ein Augenoptikfachgeschäft. Er erkannte die Marktchance im Geschäft mit Kassenbrillen. Auf Grundlage einer Sondervereinbarung mit der AOK bot er in der Folge 90 Kunststoff- und Metall-Modelle in 640 Varianten an. Das war das Ende der Kassengestelle.

Die gesellschaftliche Bedeutung der Brille

Der gesellschaftliche und ökonomische Aspekt der Brille als ein Hilfsmittel, Produktivität und Leistungsvermögen zu steigern, wurde schon von dem Philosophen René Descartes (1596–1650) bemerkt: „Unsere gesamte Lebensführung hängt von unseren Sinnen ab, und weil der Sehsinn der umfassendste und edelste von ihnen ist, gehören zweifellos alle Erfindungen, die seine Leistung steigern, zu den nützlichsten, die man sich denken kann.“

Die Brille gehört zu jenen Schlüsselerfindungen, die lange Zeit die Überlegenheit Europas begründeten. Mit der Brille wurde die Lebensarbeitszeit in Berufen, bei denen es auf ein gutes Auge ankommt, mehr als verdoppelt. Dazu zählten z.B. Schreiber, Weber Instrumenten- und Werkzeugmacher. Eine Verdoppelung der Lebensarbeitszeit entsprach einer Verdoppelung der Fachkräfte.  Außerdem ermöglichten Brillen auch die Herstellung genauerer Werkzeuge und damit die Basis für die Entwicklung komplizierter Maschinen.

Bereits früh hat man die die Außenwirkung von Brillen erkannt und sie bewusst gestaltet. Mittlerweile ist sie als modisches Accessoire ein fester Bestandteil des Erscheinungsbildes vieler Menschen. Nicht nur Heino und Gandhi haben Brillen zu ihrem Markenzeichen gemacht.

Von der Entdeckung zur Erfindung

Eine Erfindung dagegen ist eine kreative schöpferische Leistung, durch die eine meist technische Aufgabenstellung erstmals oder in verbesserter Weise gelöst wird. Von einer Erfindung spricht man also nur bei einer Lösung, die objektiv neu ist. Erfindungen beziehen sich meist auf technische Problemstellungen; sie können per Patent oder Gebrauchsmuster geschützt werden.

Den Erfinder zeichnet eine stärker systematische Arbeitsweise aus, während der Tüftler beim Finden neuer Lösungen eher intuitiv vorgeht. Beide bewegen sich oft nicht in ihren eigenen Kompetenz-feldern und arbeiten meist an ganz unterschiedlichen Fragestellungen. Eine gesunde Portion Hirnschmalz, ein Vorgehen nach Versuch und Irrtum und die Begeisterung an der Lösung neuer, meist technischer Fragestellungen sind die Fundamente des Vorgehens. Die Ergebnisse sind nicht planbar.

Eine Entwicklung ist eine systematische Tätigkeit zum Lösen einer Aufgabenstellung unter Anwendung bekannter Methoden. Das Vorgehen ist grundsätzlich methodisch-systematisch. Die Entwicklung neuer Produkte wird dadurch plan- und nachprüfbar.

Der Entwickler bewegt sich bei seinem Vorgehen in seinem Kompetenz- und Erfahrungsfeld. Sein Vorgehen ist meist an einer Entwicklungslinie und im Idealfall an einem übergeordneten Ziel ausgerichtet. Seine Tätigkeit ist Grundlage für die Fortentwicklung von Unternehmen. Seine Entwicklungen sind dabei meist inkrementeller, also aufeinander aufbauender Art. Die Ergebnisse sind planbare technische Lösungen.

Eine Innovation ist ein neues Produkt, eine neue Dienstleistung, ein neuer Prozess  oder ein neues Geschäftsmodell, das aufgrund seiner erfolgreichen Einführung den Markt verändert. Unterschieden wird nach inkrementellen Innovationen, die aufeinander aufbauen, und disruptiven Innovationen, also Sprunginnovationen, die zerstörerisch wirken.

Ein Innovator ist dementsprechend eine Person, meist ein Unternehmer, der seine Neuerungen eine neue Ära einläutet. Echte Innovatoren zeichnet deshalb aus, dass sie sehr früh den Markt und seine n Bedarf in ihre Überlegungen einbeziehen. Als echter Innovator darf in diesem Sinnen … Fielmann angesehen  werden, der mit seinem Geschäftsmodell die Branche richtiggehend „aufgemischt“ hat und ihr neue Regeln, den Kunden einen vielfach besseren Service gegeben hat.

Der Begriff des dynamischen Unternehmers wurde 1921 von Joseph Schumpeter eingeführt. Nach seiner Theorie des Innovatzors wandeln sich Wirtschaft und Gesellschaft durch neuartige Kombinationen von Produktionsfaktoren. Dieses Konzept ist auf die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit ausgerichtet.

Wettbewerbsfähigkeit

Unternehmerisches Handeln ist auf wirtschaftlichen Erfolg gerichtet. Die Voraussetzung dafür ist Wettbewerbsfähigkeit. Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich an der Höhe der am Markt realisierbaren Margen und damit der auf das eingesetzte Kapital erzielte Renditen. Und Wettbewerb spielt sich am Markt ab.

Die laufende und systematische Entwicklung neuer marktreifer Produkte und Dienstleistungen ist deshalb eine Voraussetzung für die Sicherung oder gar Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Intern setzt das die laufende Überprüfung und Verbesserung der Prozesse und Verfahren voraus. Und übergeordnet bedeutet das eine laufende Anpassung des eigenen Geschäftsmodells.

Gerade in einer sich durch eine zunehmend sich beschleunigende Globalisierung, veränderte sich das Umfeld von Unternehmen stark. Der Abbau von Handelsbarrieren und die Verknüpfung von Märkten, wesentliche neue, innovativer Player, die noch hungrig sind, steigende Kundenanforderungen und die Erhöhung der Komplexität, steigender Wettbewerb, kürzere Produktentwicklungszeiten und kürzere Produktelebenszyklen zwingen zu einem systematischen Vorgehen des Mittelstandes.

Quellen und Anregungen

https://www.blickcheck.de/sehhilfen/brillen/styling-und-trends/geschichte-der-brille/
https://www.fielmann.de/wissen/die-brille/
http://www.brillenmachergilde.de/geschichte-d-brille.html

Die Geschichte der Brille


400.000 Jahre Technikgeschichte, Marie Luise ten Horn-van Nispen
Geschichte der Technik, Schneider

u.a.m.

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